Jana Engel
Eiko Grimberg
Arne Schmitt

04.05.2019 –
15.06.2019

Historiker*innen

mit einem Text von Sabrina Mandanici

Eröffnung | 3. Mai | 20 Uhr

 

Sabrina Mandanici

Geschichte ist k/ein fremdes Land

 

Das Einzige, das uns nicht gefangen hält, ist die Vergangenheit. Wir können mit der Vergangenheit anstellen was immer wir wollen. Was wir nicht tun können, ist ihre Folgen zu verändern. - John Berger

Wir müssen das gebrauchen was wir haben. - Susan Sontag

Ich war nie sonderlich gut darin, „Kunst zu machen“. Oder vielmehr darin, was die Schule mir als „Kunst machen“ vermittelt hat. Ich weiß nicht, ob mir die Fähigkeit oder der Fokus fehlten. Vielleicht sogar beides. Fest steht, dass meine Zeichnungen und Bilder nur wenig mit ihren Vorlagen zu tun hatten. Stattdessen interpretierten sie frei. Für den Großteil meiner Schulzeit verfolgte mich ein Gefühl des Unver-mögens. Dass zwischen meinen Händen und meinen Augen nicht die geringste Verbindung bestand. Und dass meinem Kopf (und dessen Inhalt), wenn er sich selbst überlassen war, etwas Grundlegendes fehlte: die Fähigkeit zur Nachahmung. Und daher die Fähigkeit zu verstehen.

In der elften Klasse übernahm Herr Rübel, ein Referendar, den Kunstunterricht, und mit ihm die Einführung in die Kunstgeschichte. Für eine Stunde, einmal die Woche, ging es nicht um „machen müssen“, sondern um „schauen wollen“. Es ging um Epochen und Gattungen, Malerinnen und Bildhauer, um fortbestehende Traditionen und jene, mit denen gebrochen wurde. Die Geschichte stand dabei allerdings weniger im Mittelpunkt als das Hinsehen. Im Jetzt. Für Herrn Rübel war das Hinsehen keine leichtfertige Tätigkeit – es war eine Einstellung. Ein Werkzeug des Verstehens. Und wichtiger noch: des Fragen Stellens, an uns und unsere Umwelt. Hinsehen verlangte Hingabe. Neugier. Sorgfalt. Es ignorierte Geschmack und Bewertung. Es führte zu Entdeckungen.

Ich erinnere mich nicht an die Einzelheiten seines Unterrichts. Weder an die besprochenen Kunstwerke, noch an die gelesenen Texte. Aber an dieses erinnere ich mich ganz genau: Das Sitzen im verdunkelten Raum. Das beißende Licht des Overheadprojektoren. Und das Ge-fühl, das sich einstellt, wenn wir Gegenständen gegenüberstehen, von denen wir wissen, dass sie von Menschen für etwas oder jemanden gemacht worden sind. Der Moment, in dem man weiß, dass man niemals restlos wissen kann. Weil diese Gegenstände auf eine Art und Weise sprechen, wie es Menschen nicht können und niemals können werden.

* * *

Das Versprechen der Kunst liegt in ihrem Prinzip der Gegenseitigkeit. Ihre Folgen sind immer unvorhersehbar. Ein Bild kann zu einem nächsten führen. Zu einer Skulptur. Einem Stein. Einer Stadt. Wirklich allem. Manchmal führt Kunst auch zu Personen. In meinem Fall handelt es sich dabei häufig um solche, die schreiben.

Durch Kunst und Literatur werden Ideen zu greifbaren Gegenständen. David Levi Strauss schreibt in seinem Buch From Head to Hand: Art and the Manual: „Ich habe immer mit meinen Händen gearbeitet, und als ich mit dem Schreiben anfing, erschien mir das ebenso als Handarbeit. Und ich habe Künstler und Schriftsteller im Grunde immer als Arbeiter ver-standen, die letztlich durch ihre Hände Materie verändern.“¹

Nimmt man es genau, dann sind Schriftstellerinnen keine Künstlerinnen. Ihre Tätigkeiten bemühen sich aber um das gleiche Ziel: das Augenblickliche als etwas Beständiges festzuhalten. In eben dieser Bemühung liegt eine bestimmte Form der Wissensvermittlung.

Kunstwerke sind Tatsachen. Weil sie das, was dargestellt ist, zu dem wie es dargestellt ist, in Beziehung setzen. Sie portraitieren Gesellschaft. Und dieses Portrait verändert sich mit dem Lauf der Zeit. Das bedeutet auch, dass jeder Gegenstand, sobald man ihn mit entsprechender Aufmerksamkeit betrachtet, eine verschlüsselte Nachricht in sich trägt, die nicht der Vergangenheit, sondern der Gegenwart gewidmet ist. Mit der Entschlüsselung dieser Nachricht stellt sich der Historikerin eine entscheidende Aufgabe: die Verantwortung, Bewusstsein zu verändern. Walter Benjamin beschreibt sie als eine „geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem“.

* * *

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“² Diese Gefahr hat viele Gesichter. Ihr Ursprung ist immer die Unachtsamkeit. Ihr Resultat das Vergessen.

Historiker sind Meister der Mutmaßung (nennen sollte man sie so allerdings nicht). Ihr Vorgehen beruht auf Quellen und Plausibilitäten, Ursachen und Wirkungen. Sie prüfen und zögern; überdenken und vergewissern sich, um letztendlich zu verstehen „wie es wirklich gewesen ist“. Im Stillen treibt sie alle die gleiche Sehnsucht: dem Verlust von Welt entgegen zu wirken. Historiker sind melancholische Spürhunde. Und manchmal beißen sie sich in den eigenen Schwanz.

Ich habe Kunstgeschichte aus Leidenschaft studiert. Aber meine Liebe zu ihr war nie monogam – sie galt den Gegenständen ebenso wie ihren Geschichten. Den Gelebten und Gekannten, aber auch den Geheimen und Erfundenen. Das birgt ein Problem für die historische Wissenschaft. Denn Wissen schaffen heißt Geschichte vermitteln. Und das ist etwas anderes als Geschichten erzählen.

Gräbt man in der Geschichte der Worte, so findet man folgendes: Aus woida wurde veda, dann videre, dann wizzan, dann wissen. ‚Ich weiß’ heißt somit ‚ich habe gesehen’. Sehen ist
eine Erfahrung, die man nicht vermitteln kann. Sie wird gemacht. Man macht sie in der ersten Person Singular.

¹ David Levi Strauss, From Head to Hand: Art and the Manual
(Oxford: Oxford University Press, 2010), ix.

² Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, unter: https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/public-docs/Literaturwissenschaft/avl/Scans_Seminare_Menke_WiSe12_13/Krise_rebellion_Aufstand/Benjamin_UEber_den_Begriff_der_Geschichte.pdf (abgerufen am 27.04.2019).


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