



























Ola Yeriemieieva
27.02.2026 –
02.05.2026
l‘image fantôme / Примарний Образ
Charlotte Uekermann: Eröffnungsrede
Am 24. Februar 2022 beginnt mit dem vollumfänglichen Angriff Russlands auf die Ukraine die größte militärische Krise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Russische Truppen marschieren im Norden, Osten und Süden in das Land ein; zugleich werden von Beginn an massiv zivile Ziele bombardiert. In Kyjiw werden Wohnhäuser zerstört, Städte verwundet, Infrastrukturen ausgelöscht.
Der Angriff ist völkerrechtswidrig; gezielte Attacken auf die Zivilbevölkerung gelten nach internationalem humanitärem Recht als Kriegsverbrechen. Binnen weniger Tage fliehen Hunderttausende, in den folgenden Monaten verlassen Millionen Menschen ihre Heimat. Rund vier Jahre nach Kriegsbeginn leben allein in Deutschland mehr als 1,3 Millionen Geflüchtete aus der Ukraine.
Wenn ich die Fotografien von Ola Yerimieieva betrachte, empfinde ich vor allem Demut. Die Gegenwart, die sich in den Bildern abzeichnet, könnte ebenso gut meine eigene sein, wenn ich nicht in Deutschland, sondern in der Ukraine geboren wäre, denke ich.
Manche Fotografien zeigen Momente, in denen ich mich selbst und meine Freund*innen wiedererkenne – Augenblicke aus dem Leben einer jungen Frau im selben Alter, an einem ähnlichen Punkt ihrer künstlerischen Ausbildung. Während ich mich und meine Freund*innen jedoch jederzeit in Sicherheit weiß, hat Ola Yerimieieva in den vergangenen Kriegsjahren Freunde und Familie verloren.
Während sich für mich die Wahl meiner künstlerischen Themen weitgehend frei anfühlt, frage ich mich, wie frei man als junge Künstlerin in einer Gegenwart arbeiten kann, die sich so gewaltsam aufdrängt. In der die Stabilität des Außen, die künstlerische Freiheit überhaupt erst ermöglicht, permanent unter akuter Bedrohung steht. Lässt eine solche Gegenwart überhaupt Raum, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit der Grausamkeit, die sie durchzieht?
Die analogen Fotografien von Ola Yerimieieva werden zu einer Form des Zeugnisses. Sie erhalten die Qualität eines Textes, werden zu Beweisen von Existenz, von Nähe, von einem bestimmten Moment in Raum und Zeit. Dort, wo Körper, Häuser und ganze Städte bedroht sind, wird das fotografische Bild zu einem Akt des Widerstands gegen das Verschwinden – und das Fotografieren selbst zu einer politisch aufgeladenen Handlung.
Die Absurdität von Kriegsbildern liegt nicht allein in Aufnahmen von Gewalt und Zerstörung, sondern ebenso in jenen Bildern, die eine fragile Normalität umreißen. Gerade im scheinbar Alltäglichen wird die Ungeheuerlichkeit der Situation spürbar.
Das Album My Family dokumentiert das erste Kriegsjahr und bewegt sich in diesem wiederkehrenden Wechsel. Zerstörte Häuser erscheinen wie verletzte Körper – eine Bildsprache, die sich auch in ihren Aquarellen fortsetzt. Spaces that bleed – blutende Orte – werden zur Metapher für allgegenwärtige Kriegsverletzungen und -verluste. Architektur wird zur Haut, die Stadt zum Organismus, Zerstörung zur offenen Wunde.
Die Arbeiten zeugen von einem sensiblen ästhetischen Gespür im Blick auf die eigene Umwelt. Zugleich bleibt der Blick auf den Körper – auf Haut, Berührung, Nähe – präsent. Gerade in einer von Gewalt durchzogenen Gegenwart gewinnt dieser Blick an Bedeutung. Das Sinnliche erscheint hier nicht als Flucht, sondern als Widerstand. Eros wird zur Gegenkraft zur Zerstörung: als Beharren auf Lebendigkeit, auf Begehren, auf der Fähigkeit des Körpers, zu fühlen und sich zu verbinden. Intimität wird damit zu einer Form der Selbstbehauptung. In einem Umfeld voller Zerstörung wird selbst eine vermeintlich kleine Geste – das Zünden einer Wunderkerze am Neujahrsabend – zu einem fotografischen Motiv, das Hoffnung nicht behauptet, sondern vorsichtig zulässt.
l’image fantôme / Примарний Образ versammelt Arbeiten, die gleichermaßen intim und persönlich wie politisch dringlich sind. Fotografien und Zeichnungen kreisen um die Angst vor dem Verlust, um den Versuch, das bereits Verlorene neu zu materialisieren und das noch Vorhandene festzuhalten. Sie dokumentieren eine Gegenwart, in der Gewalt allgegenwärtig ist, und eröffnen zugleich einen sensiblen künstlerischen Erinnerungsraum. Zwischen privatem Album und kollektiver Geschichte entsteht ein Spannungsfeld, in dem Bilder nicht nur bewahren, sondern Zeugenschaft leisten – als fragile, aber beharrliche Formen des Dagegenseins.
Link: Katia Backhaus über Ola Yeriemieieva in der Kreiszeitung
Ola Yeriemieieva with Alya Segal
https://secondaryarchive.org 2024
My art is mainly about the fear of loss and an attempt to preserve what has not yet been lost. And if it is lost, I aim to rethink and materialize this loss. In my younger years, I experienced the death of my close friends, and in many ways, it shaped me as an artist.
War is synonymous with loss. I have been lucky not to yet lose my home, my city, my memories. But the short-lasting experience of fleeing my hometown and the fear of not returning have only strengthened the need to record what can be so easily erased1. For now, I have this opportunity.
I work a lot with photography. I do not use it as a tool for constructing images but as a means of testimony. Photography can be synonymous with text.
A significant part of my practice is dedicated to the topic of corporeality. I have worked extensively with male eroticism. This practice borders between the manifestation of love and the search for beauty, and it is an attempt at inner emancipation aimed at changing the gender roles of both artist and model2.
I turn to self-portraits as evidence of my material presence. I imagine most of my works as a story happening after my death, serving as proof of my existence, my friends, and my surroundings. It is a simultaneous escapism into the past and the future, where grief is still or no longer present.
The album My Family is a documentation of the first year of the war. It represents the life of the artistic community and the normalization of life during the war. Evacuation, living in another city, hiding from shelling, parties, and exhibitions. Hervé Guibert wrote that photography has any value only if it captures a certain time and space. This is a statement that accurately describes this work.
After the Russian invasion, I started looking for kinships with other wars, for points of intersection between past memories and present events, especially in my hometown. I think about a world that has never had peace and tranquility. About endless war and suffering. These thoughts are embodied in the work Sleep Well, It Won’t Happen Again. The collision of the grief from different wars in one particular place. The hope for a peaceful future that ends a few meters away. Deaths in the name of the Motherland. Deaths that will never end.
I reflect a lot on the human body, which during the war is the main target of destruction, the target of terror. War on many levels is synonymous with the torture of the body. I started working with this topic in a kind of state of affect that emerged when the aftermath of the Russian occupation of Bucha was made public. In the project Untitled, I depicted bodies that were tortured.
The full-scale Russian-Ukrainian war has been going on for two years now, and it’s hard to think of it as something separate — as something that never happened and will end someday. In the present and future, I see more responsibilities than opportunities. To continue my work, to document what surrounds me, to create culture in times of its total destruction.