Sibylle Springer

15.11.2019 –
25.01.2020

Neue Lügen

In Sibylle Springers Werk sind Störungen von Bild und Wahrnehmung stets zentral. Ein Schockmoment, eine extreme Erfahrung, Geschwindigleit oder Gewalt,  schreiben sich in die Darstellungen ein, motivisch wie auch materiell. Oftmals spielen dabei Flüssigkeiten eine Rolle. Ihre großformatigen Ansichten von New York werden von Regengüssen zerfetzt; durch ihre Adaptionen christlicher Szenen der Renaissance Malerei schießt das Blut. Die Störungen der Wahrnehmung werden in den Bildern selbst materiall: Tusche, Tinte und Wasser verschwimmen und bilden Ränder, Farbflächen sind geschliffen und brüchig.
Vergleichsweise leise nehmen sich da die Störungen in ihrer neuen Porträtserie aus. Gesichter von Männern tragen Tränen. Diese sind aus Edelblattmetallen, Gold und Silber auf den Leinwänden angebracht. Binde- und Lösungsmittel, die die Metallfolien zum Haften bringen und sie weich werden lassen, verändern die die Bildoberfläche, legen  sich als spiegelnde, schützende Schicht um die Tropfen, fressen sich durch die Farbflächen aus Acryl.
Die Geschichte der Malerei hält nur wenige weinende Männer bereit, meist handelt es sich um Jesus oder Herakles. Weinende Frauen findet man natürlich zur Genüge. So sind die Tränenfänger, die Sibylle Springer als Readymades einfassen und rahmen ließ für Frauen gemacht. Die kunstvoll gearbeiteten Glasröhrchen stammen aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Die zu Hause gebliebenen Frauen verwendeten sie als Beweis ihrer Liebe und als Meßinstrument ihrer Trauer - Lüge und Betrug waren hier sicherlich willkommen.
In einer ebenfalls neuen Serie großer Formate verteckt die Malerin in nebligen Urwäldern kleine obszöne Szenen: ein mit Ketten gefesselter Mann leckt eine vor ihm sitzende Frau, eine andere Frau wird von einem Esel bestiegen, am Boden wächst versteckt zwischen Farn eine Kolonie Penispilze. So stellt sich nach dem ersten Eindruck einer farblich liebllichen, rauchigen Landschaft ein kleiner Schock nach dem nächsten ein.