Luise Marchand

Luise Marchand (*1987, Blankenburg im Harz) bedient sich für ihre Fotografie einer Ästhetik und eines Bildvokabulars, die an Werbeindustrie erinnern. Zentral in ihrem Werk ist das Ausfeinanderstoßen organischer und künstlicher Elemente. In ihren Bildern zeigt sich neben allerlei Selbstoptimierungszubehör das Nichtperfektionierbare vergänglicher Dinge, – wie des menschlichen Körpers. Luise Marchand lebt und arbeitet in Berlin. Im Jahr 2019 erhielt sie den Preis der G2 Kunsthalle in Leipzig. 2020 war sie Stipendiatin des Hannoveraner Kunstvereins in der Villa Minimo. Im selben Jahr wurde sie mit dem Dokumentarfotografie Förderpreis der Wüstenrot Stiftung ausgezeichnet. Zuletzt zeigte sie ihre Filminstallation Liquid Company/Flüssige Gesellschaft im Museum Folkwang, Essen sowie im Museum der bildenden Künste, Leipzig.

Arbeiten

Muttererde
Liquid Company/Flüssige Gesellschaft
Zeit ist Geld – Eine Schnecke ist eine Schnecke
Die Zeichen stehen gut
POW - Power Of We

Alexandra Karg

Anlässlich der Ausstellung Muttererde im Kunstverein Hannover, 2022

Der Duft der „Ewigen Gartenrose", den die leblosen Floristik-Elemente in Luise Marchands Werkzyklus Muttererde verströmen ist zweierlei: ein Sinnbild für den Erhalt natürlicher Schönheit und ein Symbol für die abnorme Überformung synthetisch produzierter Perfektion. Die „Ewige Rose" – der Begriff ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, der in der Arbeit habhaft wird. Ambivalenzen wie diese stehen im Zentrum des Werks Muttererde. Das Aufeinanderprallen organischer und künstlicher Elemente ist dabei besonders bedeutsam. 

Die dreiteilige Installation verweist auf die vielfältige und zeitgenössische Bedeutung der Floristik unter dem Einfluss kapitalistischer Wertschöpfung, die stets den Mutterboden, den fruchtbarsten Horizont natürlicher Ressourcen, bevorzugt. Doch sie legt auch das Scheitern offen, das dem Floristikgeschäft obliegt, den gehaltvollen Nährboden künstlich nachzuahmen. Mit den Mitteln der Fotografie beleuchtet Luise Marchand das traditionelle Handwerk der Blumenkunst ebenso wie die kulturelle Verwendung von Gestecken zu Geburtstagen, Hochzeiten oder Trauerfeiern und collagiert beides mit Materialien, die auf die zunehmende Synthetisierung in der Verarbeitung von Blumen und Pflanzen verweisen. Die Folien in den Oberlichtern des Ausstellungsraums sowie ihre Verwendung als UV-Druck auf Glas spielen konkret auf die künstlichen Zucht- und Konservierungsbedingungen von Schnittblumen an, während die Wahl von Gitterelementen aus Kleintiergehegen auf die Domestizierung von Lebewesen allgemein referiert.

In der Tradition künstlerischer Vanitas-Stillleben stehend und gleichzeitig mit dem Bildvokabular der Werbeindustrie spielend, ruft Muttererde frühe ästhetische Fragestellungen hervor und provoziert eine zeitgenössisch und moralisch motivierte Reflexion über das Leben, über Konsum und den Umgang mit dem Organismus.

 

Link zum Video

Christin Müller
Luise Marchand – mit der Künstlerin zu einem neuen Wir

Thema von Luise Marchands Projekt Liquid Company – Flüssige Gesellschaft ist der Traum von Selbstbestimmung und einem Gleichgewicht von Beruf und Privatleben, die im 21. Jahrhundert zu einer greifbaren Realität werden. Ihren Ursprung hat diese Entwicklung in der New-Work- Bewegung, die im Zuge der Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung in den 1980er Jahren einsetzte und Freiheit, Selbstständigkeit und Teilhabe verspricht. Der Fokus liegt auf persönlicher Entfaltung innerhalb der Arbeitsumgebung und umgekehrt einer höheren Identifikation mit dem Team und dem Unternehmen. Marchand nimmt die sich verändernde Arbeitswelt nicht nur in den Blick, sondern sie wird selbst ein Teil davon: In Jobportalen meldete sie sich mit verschiedenen Profilen an, wurde Teil von innovativen Teamstrukturen. Sie nahm an Teambuilding- Events teil und arbeitete in diversen Co-Working-Spaces. Ihre Aktivitäten und Beobachtungen zeichnete die Künstlerin mit Bildschirmfotos, Foto- und Go-Pro-Kamera auf und entwickelte daraus die immersive Installation From Me to We.

Um die Arbeit betrachten zu können, müssen wir uns in der Ausstellung auf ein Podest legen, erst dann startet das Video. Eine Erzählerstimme lädt uns zu einem Onboarding in einen neuen Employee-Life-Circle ein. Während wir hören, wie wir Teil eines Teams werden können, sehen wir aus der Perspektive der Künstlerin, wie sie in die Sphären des New Work eingetreten ist. Als Betrachter:innen sind wir eingeladen, diesen Prozess des Onboardings geistig und körperlich nachzuvollziehen, indem wir direkt angesprochen werden – „einatmen, ausatmen“. Ein zweite Stimme erzählt aus der Ich-Perspektive, wie sie in die neue Community eintaucht und gemeinsam mit dieser wachsen will. Das Ich zweifelt kurz an den neoliberalen Versprechen, um schließlich völlig in der „schönen neuen Welt“ aufzugehen. Die Installation ist von fünf Fotocollagen mit sprechenden Titeln umgeben: Green Detox, Your Company Loves You, Now; Flatwhite – You Matter; Employee of the Month, Brick to go; Half full und Move Fast. Auf den Bildern lachen uns unzählige Smileys an, Äpfel und Trinkbecher sind mit den titelgebenden Slogans gebrandet und Pappaufsteller stehen stellvertretend für Mitarbeiter:innen.

Luise Marchand macht sich für dieses Projekt eine Form der Zeugenschaft zunutze, bei der die eigene subjektive Erfahrung der Filter für den dokumentarischen Blick ist. Diese Zeugenschaft überträgt sie auf uns, wenn wir uns auf die Installation physisch einlassen. Die Idee des Dokumentarischen manifestiert sich an dieser Stelle nicht nur als visuelles Forschen und Argumentieren seitens der Künstlerin. Wesentlich ist in diesem Projekt die

Betrachter:innenerfahrung, die von der Künstlerin gelenkt und unter Einbezug der visuellen und sprachlichen Codes des New Work gestaltet wird.

 

Luise Marchand hat beobachtet, wie Schnecken ihre Körper über Geldscheine und Münzen ziehen, an den Falten und Stapeln hochklettern, voller Vorsicht und Neugierde ihre Fühler ausstrecken. Die Bilder, die sie von diesen Szenen gemacht hat, erinnern mit ihren hellen und flächig organisierten Farben an Stockfotografie. Tatsächlich sind die Aufnahmen der Schnecken in ihrer Landschaft aus Geld gerade unter dem didaktischen Titel Zeit ist Geld zur Illustration von Nachrichten und Werbeanzeigen gut geeignet. Und doch sind die Konstellationen nicht so glatt, wie man vermuten könnte, machen sie allerlei Probleme. Denn es scheint so, als entwickelten Schnecken und Geld einige Eigenschaften, die erst bei ihrem unwahrscheinlichen Aufeinanderstoßen sichtbar werden. Vielleicht ist es vergleichbar mit dieser Reaktion im Mund, die sich einstellt, wenn man ein weichgekochtes Ei mit einem Silberlöffel isst. Schnecken und Geld sind jeweils für sich genommen okay. Ihre Herkunft aus der Natur oder der Zivilisation, pflegt man getrennt zu denken. Luise Marchands Schnecken schleppen sich über die Scheine und Münzen, wie sie es sonst über Gräser und Fallobst tun. Dass sie den warmen und schleimigen, im Ziel schließlich verschlingenden Kontakt ausgerechnet mit Agenten der Marktwirtschaft vollführen, wird sexuell und wirkt verstörend. Geld, also Scheine und Münzen, sind anale Gegenstände. Die kulturelle Praxis, die sie hervorgebracht hat, basiert auf Arbeitsethos und Sparsamkeit. Scheine und Münzen werden festgehalten und angehäuft, selbst noch nach der digitalen Auflösung ihrer papiernen und metallenen Gestalt. Tatsächlich gehören Geldscheine und Münzen nicht der natürlichen Umgebung von Schnecken an und sie gehören auch nicht zu jenem Teil des menschlichen Alltags, für den sich Schnecken interessieren. Sie ziehen sich als unmittelbarster Teil von Natur über den wohl am meisten vermittelten (oder entfremdeten) Teil einer Kultur.

Miriam Stoney

Post-industrial society has lost its grip on notions of work, rest and leisure.The rise of immaterial labour has been met with a growing optimisation of the individual, a continuous variable with multiple presences and temporalities-The prevalence tide of mixed, private- professional engagement forces us to be always, all ways, switched on. What does this mean for our intimate lives, our privacy and our integrity? Our needs and desires are changing, as are our values. Well, the signs, the prospects, the indications are good. Good for what, for whom? Ask the objects that surround us, that serve us and distract us on a daily basis. Objects that perform so that we can too. They help us tend toour delicate, docile bodies so we can stay in the race, multi-tasking and mobile. Carefully compartmentalised, even our te- ars are ergonomic these days. Kinesio tape on the shoulder replaces a warm hand, a touch helping us keep it together. As technologies of self-regulation and -exploitation are condensed and dispersed through our mental, emotion and physical lives, we’d better stay on the good side of these gadgets and tools.

 

Power Of We

Die Industrielle Revolution hat die Arbeitswelt einmal auf den Kopf gestellt und sie mit Fließbändern, Stechuhren, Schichtarbeit und Arbeitsteilung wieder in Ordnung gebracht. Arbeit brachte das nötige Geld und der Feierabend und auch das Wochen- ende gehörten der Familie. Jahrzehnte später hielt diese Waage sich nicht mehr im Gleichgewicht. Der Wunsch nach mehr Freiheit im Privatleben hat auch den Ruf danach in der Arbeitswelt verstärkt. Die Digitalisierung im 21. Jahrhundert hat den Traum von Selbstbestimmung und Gleichgewicht von Beruf und Privatleben zu einer greifbaren Realität werden lassen. Nun heißt es wählen zwischen: homeoffice, Remote- oderFlexarbeit. Der Coworking Space des Arbeitgebers gleicht dem heimischen Wohn- zimmer, nur besser. Anders als zu Hause gibt es immer frisches Obst, Kaffee und Limo aus der Region – und in rauen Mengen. Power Stations, Mitgliedschaft im nächstgele- genen Fitnessclub sind im Gehalt inklusive.

Die Idee: 
Es soll ein Gleichgewicht geben zwischen Arbeit und Leben – eine Work-Life-Balance. Langsam aber sicher reicht das nicht mehr aus. Das neue Ziel: Aus zwei Welten soll eine einzige werden. Was früher durch die Tore der Fabrikhallen getrennt war, ver- schmilzt immer mehr zu einer zähen Masse,
die getragen wird vom Wir.
Unternehmen tun vieles dafür, dieses Wir-Gefühl zu stärken. Flache Hierarchien, Alltagssprache, zum Offsite ans Lagerfeuer – all das soll helfen, dass die Mit- arbeiterInnen sich mit dem Unternehmen identifizieren und zu einer kleinen Familie zusammenwachsen. Aus Work-Life-Balance wird Work-Life-Blending.
Was jedoch bleibt ist das Ziel, der Kern der Sache, um den es schon um 1900 ging: Effizienzsteigerung und Produktivität.

Wo bleibt das Gefühl, in einer Welt, in der man von „Team Love“ spricht? Ist die Kraft des Wir-Gefühls eine demokratische Kraft?

Luise Marchand

CV

Ausstellungen

2022
Liquid Company - Flüssige Gesellschaft. Dokumentarförderpreis 13 der Wüstenrot Stiftung (mit Sabrina Asche,Heiko Schäfer, Wenzel Stählin), Museum Folkwang, Essen
Liquid Company - Flüssige Gesellschaft. Dokumentarförderpreis 13 der Wüstenrot Stiftung (mit Sabrina Asche, Heiko Schäfer, Wenzel Stählin), Museum der bildenden Künste, Leipzig
Muttererde. Preis des Kunstvereins Hannover, Kunstverein Hannover

2020
POW – The Power of We, HGB Galerie, Leipzig

2017
ACTS OF RESPONSIVNESS, Torrance Shipmann Gallery, New York, USA

2016
Bye Body, Bye, Galerie Greener as Gras, Spinnerei, Leipzig

Ausstellungsbeteiligungen

2022
Der neue Mensch, Worpswede Museen
I don't work on weekends, Kunstverein Göttingen

2020
Verletzbare Subjekte, Zentrum für aktuelle Kunst, Zitadelle, Berlin
Junge Kunst aus Düsseldorf, Stadtgalerie Kaarst, Düsseldorf

2019
Tender Buttons, Künstlerhaus Bremen,

2018
Touch, nGbK, Berlin

2017
Object Lessons, KV Leipzig
Kombi 5, Kunstquartier Bethanien, Berlin
Situationists/Flesh, Fotomuseum Winterthur, Winterthur, Schweiz