Miron Zownir

Offene Wunden
Bilder aus dem freien Osteuropa

19. Januar 2013 - 22. Februar 2013

Seit 1995 bereist Miron Zownir  die Länder des ehemaligen Ostblocks, darunter Russland, Polen, Bulgarien und die Ukraine. Ihn interessiert die Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit nach dem Ende des real existierenden Sozialismus. Seine Bilder erzählen die Geschichten verarmter Menschen, die an den Rändern der Metropolen in entlegenen U-Bahn-Stationen hausen und an Kälte, Alkoholismus, Gewalt und  Armut leiden. Gelegentlich stößt er auf Leichen, für die sich niemand interessiert, bis die Polizei auf den Fotografen, den sie interessieren, aufmerksam wird. Die Menschen, die er portraitiert, gleichen offenen Wunden. Sie sind in vielfacher Weise beschädigt und werden nicht mehr ganz. Sie gleichen einer Kastrationsdrohung. Man möchte sie nicht ansehen, schließlich könnte man werden wie sie.  

Vernissage   Freitag, 18. Januar, 19 Uhr
Filmabend   Mittwoch, 20. Februar, 20.30 Uhr im City 46
Finissage   Freitag, 22. Februar, 19 Uhr 

Öffnungszeiten
Donnerstag + Freitag, 16 - 19 Uhr | Samstag, 13-17 Uhr
Weitere Termine nach Vereinbarung 

Zur Ausstellung erscheint bei mox & maritz der Katalog Offene Wunden.

Mit freundlicher Unterstützung durch den Senator für Kultur Bremen

Info

St. Petersburg 1995

Galerie

Moskau 1995

Bukarest 2009

Bukarest 2009

Łódź 2011

Die Kosten der Freiheit
Andreas Schnell  |  die tageszeitung, 17. Januar 2013

Ein bisschen ist es vielleicht wie bei dem schon beinahe sprichwörtlichen Autounfall: Wegschauen geht nicht, hinschauen auch nicht. Es verursacht regelrechte Beklemmungen, die Bilder von Miron Zownir anzuschauen. Dabei zeigt er im Grunde alles andere als Unfälle.

In Bremen sind nun "Bilder aus dem freien Osteuropa" zu sehen, wie der Untertitel der Ausstellung "Offene Wunden" ankündigt. Eine Formulierung, die geradezu grimmig die Zähne fletscht. War das nicht eigentlich laut westlicher Propaganda eine der großen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte? Moskau, Kiew, Bukarest, Katowice, Lodz, Posnan, St. Petersburg und noch ein paar andere Städtenamen tauchen immer wieder auf, in Kombination mit Jahreszahlen geben sie die Titel der Arbeiten ab, entstanden zwischen 1995 und 2012.

Wobei es frappiert, wie wenig sich in all der Zeit getan zu haben scheint. Verstümmelte Körper, verdreckte Hinterhöfe, Elend, Gewalt, Tod. Eine Leiche, die offenbar seit Tagen auf der Straße liegt. Undenkbar im reichen Westen? Wahrscheinlich schon. Vielleicht: noch. Es ist ja auch diese Armut nicht einfach irgendeine Armut. Wir wissen, dass es in den Ländern, in denen Zownir in den letzten Jahren immer wieder unterwegs war, eigentlich auch alles zu kaufen gibt, sofern eine zahlungskräftige Nachfrage existiert. Auch die, das wissen wir ebenfalls, gibt es.

Miron Zownir ist kein Kommunist. Wehmütige Verklärung realsozialistischer Verhältnisse dürfte ihm fern liegen. Seine Fotos aus dem New York der frühen achtziger, dem Berlin der späten siebziger Jahre und dem von heute lassen sich stilistisch kaum unterscheiden von seinen Osteuropa-Bildern.

Zownirs legendärer Bildband heißt "Radical Eye", der Blick ist das Prinzip. Was natürlich nicht bedeutet, dass ihm egal wäre, was da vor die Kamera kommt. Das wäre ja auch abwegig. Aber er dokumentiert und knallt seinem Publikum die Ergebnisse vor den Latz, als einzige Kontextualisierung gibt es Orte und Jahre. "Ich fotografiere es einfach, weil es mich interessiert und weil ich glaube, dass es wichtig ist. Irgendjemand muss es ja tun", formuliert er in einem Interview mit der Website Ukraine-Nachrichten.de.

Wie der Mann sein Bein verloren hat? Wer einem anderen die Wunden beibrachte, die von Sanitätern versorgt werden? Wie hat die Moskauerin ihr Auge verloren? Die Bilder und die Menschen darauf behalten ein Geheimnis, das ihnen womöglich niemand mehr je wird entlocken können.

Aber darauf kommt es nicht wirklich an. Was nämlich gar kein Geheimnis ist: Es sind die Lebensverhältnisse, die die Menschen zerstören. Oligarchen und lupenreine Demokraten, Edeldiskotheken und grandiose Landschaften sind, es ließe sich ja auch anders herausfinden, nur eine Seite der neuen Freiheit im Osten. Dass die Zerschlagung eines alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwurfs mit massenhafter Verarmung einherging, ist eben kein Geheimnis. Nur lassen Zownirs Bilder keine Gleichgültigkeit, kein Relativieren der kapitalistischen Brutalitäten als bedauerliche Einzelfälle zu.

"Manchmal hab ich gekotzt oder geheult, wenn die Kamera weg war. Ich bin ja ein Mensch", erzählte mir Zownir vor Jahren in einem Interview. Aber es muss ja jemand machen. Weil es sonst niemand tut. Außer ein paar anderen Künstlern, Schriftstellern wie dem großen Hubert Selby zum Beispiel. Auch wenn das eine politische Analyse nicht ersetzt. Auch wenn ein Foto keine Armut lindern kann.

Zownir zeigt uns schonungslos das, was wir vielleicht, siehe Autounfall, gar nicht sehen wollen. Weil wir aber hinschauen müssen, ist er in der Lage, Ideologien zu sprengen, unseren Blick zu schärfen. Er betreibt Aufklärung, "zynisch, radikal, aber ehrlich", wie er selbst es einmal beschrieben hat.

Presse

Schlaglicht auf das Leid der Freiheit
Tim Schomacker  |  Kreiszeitung, 22. Januar 2013

Jemand im Tigerkostüm posiert in einem Hinterhof. Den bezahnten Kopf hoch Richtung Kamera gerichtet, streckt das Tigerwesen Arm und Bein von sich. Der Boden des Hinterhofs ist schmutzig, ein paar Gegenstände liegen herum, vorne rechts ragt eine Leiter ins Bild. Die Häuser umschließen das Areal wie Galerien eine elisabethanische Bühne. Nur ist diese Bühne in Kiew aufgenommen und im Jahr 2011. Der 1953 in Karlsruhe geborene Schriftsteller, Filmemacher und Fotograf Miron Zownir bereist seit Mitte der 1990er Städte, die früher zu etwas gehörten, was manche „Ostblock“ nannten. Eine Auswahl dieser Aufnahmen ist nun in der neuen Bremer Galerie K‘ zu sehen.

Die Aufnahmen setzen Zownirs Fotoarbeiten aus den 1980er Jahren fort, in denen er diverse Rückseiten amerikanischer und deutscher Städte erkundete – auch um künstlerischem, sozialem, sexuellen Underground Gesichter zu geben. „Meine Kompromisslosigkeit hat mir Lebenssituationen aufgedrängt, in denen ich mich behaupten und wehren musste“, hat Zownir einmal gesagt. „Hätte ich mit meiner Arbeit über den täglichen Wahnsinn früh Erfolg gehabt, hätte ich nicht mehr in Slums gelebt.“ Wo und wie er lebt, hat unmittelbaren Einfluss auf Zownirs künstlerische Arbeit.

Ob er Obdachlose in New York fotografiert, Transsexuelle in St. Petersburg, Punks in Berlin, sterbende Alte in Moskaus Straßen oder eben Tiger in Kiew, nie begegnet Zownir – darin liegt das Berührende, Anrührende, manchmal Schockierende seiner Bilder – den porträtierten Menschen als Kunsttourist. Vielleicht begegnet er ihnen nicht einmal in erster Linie als Fotograf. Sondern schlicht als Miron Zownir. Der sich Menschen gelegentlich eben schreibend und fotografierend nährt.

Es ist der Blick eines jederzeit Beteiligten, von dem diese Bilder erzählen. Intimität statt Distanz. Und zugleich Kunst. Kaum jemand Vergleichbares fällt einem ein: am Ehesten noch der 1992 an Aids gestorbene, Kunst nicht minder intensiv lebende amerikanische Autor und Fotograf David Wojnarowicz.

„Offene Wunden“ ist die Ausstellung betitelt. Dass die Bilder – wie der Untertitel sagt – „aus dem freien Osteuropa“ stammen, wirkt fast wie programmatischer Hohn: Worin genau besteht denn diese postsozialistische Freiheit, mag man sich bei einer tryptichonartig arrangierten Bilderfolge fragen. Drei Bilder, auf denen je eine Frau zu sehen ist. Alle drei liegen auf dem Boden, draußen, Beine und Füße jeweils eigentümlich genug gedreht, dass man sich fragt, ob sie denn überhaupt noch leben. Und, wenn ja, ob dieses Leben auf der Straße, in Armut und unter permanenten Gewaltandrohungen unterm Strich der Nichtexistenz irgendwas substanziell entgegenzusetzen hätte. Bukarest 2009: Ein Bild zeigt drei knallweiße, furchteinflößende Hunde auf einer ruppigen Rasenfläche. Den Bildhorizont zerfransen Hecken und Hochhäuser. Ein Bild zeigt einen aus Matratzen und Müll geschichteten Hinterhofhaufen. Er scheint zwischen schmuddeligen Mietskasernen zu schwimmen.

War in den Porträtaufnahmen, die 1997 der szenelegendäre Zownir-Bildband „Radical Eye“ versammelte, mit ihrem Posieren, ihrer oft selbstbewusst zur Schau gestellten Andersartigkeit (sexuellen zumal, auch in Bezug auf Lebensentwürfe) eine Komplizenschaft zwischen Fotograf und Modell zu spüren, die individuelle Freiheit gegen Normen und Widerstände behaupten wollte (und auch konnte), kippt mit den hier schlaglichtartig dokumentierten Osteuropabesuchen die Freiheitsbegrifflichkeit. Je offensiver sie staatspolitisch herausposaunt wird, desto mehr individuelles Leid bleibt in Rinnsteinen oder U-Bahn-Aufgängen hängen. Zownirs Fotografien tragen etwas an seine Porträtierten heran, worum diese sich kaum mehr selbst kümmern zu können scheinen. Früher nannte man das einmal Würde. Für uns Betrachter reißt das eine Kluft auf. Zwischen unserer täglich erlebten Gegenwart – und den (bisweilen tödlich) verwundeten Leben derer auf den Bildern.

Miron Zownir fotografiert den Alltag der Gestrandeten
Maike Schlaht  |  Weser-Kurier, 30. Januar 2013

Der 59-jährige Fotograf, Filmemacher und Autor Miron Zownir geht an Orte, die in ihrer Trostlosigkeit und Ausweglosigkeit kaum zu überbieten sind. Die Kälte, die einem entgegenschlägt, wenn man die Bilder des Berliner Fotografen betrachtet, ist enorm. „Offene Wunden“ lautet der Titel der Ausstellung, die sich auf Schwarz-Weiß-Fotografien konzentriert, die Zownir seit 1995 in den Ländern des ehemaligen Ostblocks gemacht hat.

Auf seinen Bildern sieht man gebrochene Menschen. Männer und Frauen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod befinden. Und für die sich niemand mehr interessiert. Zownir, dessen Vater aus der Ukraine stammte, fängt sie mit seiner Kamera ein, die Krüppel und Greise, die Bettler und Prostituierten. Seine Protagonisten werfen Fragen auf, deren Beantwortung Angst macht. Warum hat die Frau auf dem Bild „Moskau 1995“ ihr Auge verloren? Und was ist womöglich noch mit ihr passiert, nachdem das Foto aufgenommen wurde? Welche Körper auf den Bildern sind Leichen, wer lebt noch von den Abgebildeten?

Die Motive erinnern an die Fotos, die Boris Mikhailov nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Obdachlosen gemacht hat. Doch im Gegensatz zu dem gebürtigen Ukrainer ist Zownir Autodidakt – er hat sich in Berlin, London und New York jahrelang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und seine Kameras am Anfang von Freunden ausgeliehen.

Miron Zownir, der 1953 in Karlsruhe zur Welt kam und den es in den Siebzigerjahren nach Westberlin zog, dokumentiert nicht, man spürt die Präsenz des Fotografen in den Bildern – aber er inszeniert auch nicht. Seine Sujets finde Zownir vor, sagt der Galerist Radek Krolczyk. Es gibt eine aktive Auseinandersetzung zwischen Porträtiertem und Porträtierendem, sei es auf verbaler oder körperlicher Ebene. Krolczyk: „Man kann nicht sagen, wer wem zustößt.“ Manche der Modelle inszenieren sich auch für die Kamera: Eine alte Frau entblößt ihre Brust, eine andere streckt dem Fotografen ihren aufgedunsenen Bauch entgegen.

Wie hält man es aus, sich immer wieder den Extremen auszusetzen, das Elend in einer seiner schaurigsten Ausprägung einzufangen? In einem Interview hat Zownir dazu einmal gesagt: „Manchmal, wenn die Kamera weg war, musste ich heulen oder kotzen – ich bin ja ein Mensch.“

Aber das Interesse an Zownirs Arbeiten ist vorhanden. Bei der Ausstellungseröffnung in dem kleinen Raum in der Alexanderstraße sei es voll gewesen, erzählt der Galerist. Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten hätten angeregt diskutiert über die Bilder und das Leid, das sie zeigen. Auch mit dem Künstler selber. Zownir hatte wie immer seine Kamera dabei und hat auch im Viertel fotografiert. Szenen wie in Moskau, sagt Krolczyk, habe er allerdings nicht gefunden. Nach der Vernissage ist der Künstler direkt in die Ukraine aufgebrochen – es sei sehr kalt dort, hat er Krolczyk vor ein paar Tagen geschrieben.